Entzündlicher Rückenschmerz unterscheidet sich vom gewöhnlichen Rückenschmerz durch sein Verhalten: Er bessert sich durch Bewegung und verschlechtert sich in Ruhe, weckt in der zweiten Nachthälfte und geht mit einer Morgensteifigkeit von über einer halben Stunde einher.
Zu diesem Begriff finden sich im deutschsprachigen Netz fast nur Fachartikel. Dieser Text übersetzt die gebräuchlichen Kriterien in Fragen, die Sie sich selbst beantworten können.
Warum diese Unterscheidung so wichtig ist
Rückenschmerz ist eine der häufigsten Beschwerden überhaupt. Die große Mehrheit ist mechanisch bedingt: Belastung, Haltung, Verspannung, gelegentlich ein Bandscheibenvorfall, der den Ischiasnerv reizt. Diese Formen bessern sich in Ruhe und verschlechtern sich bei Belastung, und sie klingen in aller Regel innerhalb von Wochen ab.
Ein kleiner Anteil verhält sich genau umgekehrt. Dahinter steckt eine entzündlich-rheumatische Erkrankung, meist eine axiale Spondyloarthritis, in der älteren deutschen Literatur auch Spondylarthritis genannt, deren bekannteste Form der Morbus Bechterew ist. Diese Erkrankung schreitet ohne Behandlung fort und führt über Jahre zu einer zunehmenden Versteifung der Wirbelsäule.
Jahre vergehen in Deutschland im Durchschnitt zwischen den ersten Beschwerden und der Diagnose einer axialen Spondyloarthritis. Bei Frauen sind es oft noch mehr.
Angabe der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew zur Diagnoseverzögerung
Die fünf Fragen der ASAS-Kriterien
Der Grund für die lange Verzögerung ist einfach: Wenn hundert Patientinnen und Patienten mit Rückenschmerzen in eine Praxis kommen, hat vielleicht einer eine entzündliche Ursache. Wer nicht gezielt nach dem Muster fragt, findet ihn nicht. 2009 einigte sich deshalb eine internationale Expertengruppe, die Assessment of SpondyloArthritis international Society, auf fünf Merkmale, die den entzündlichen Rückenschmerz beschreiben. Sie sind seither der Maßstab und stehen in dieser Form auch in der deutschen Leitlinie.
| Kriterium | Trifft das auf Sie zu? |
|---|---|
| Beginn vor dem 40. Lebensjahr | Die ersten Beschwerden traten auf, bevor Sie vierzig waren |
| Schleichender Beginn | Es kam allmählich, ohne dass Sie einen Auslöser benennen können |
| Besserung durch Bewegung | Nach einem Spaziergang oder Sport geht es Ihnen besser, nicht schlechter |
| Keine Besserung durch Ruhe | Liegen und Sitzen helfen nicht oder machen es schlimmer |
| Nachtschmerz mit Besserung beim Aufstehen | Sie wachen in der zweiten Nachthälfte auf und müssen sich bewegen |
Wichtig ist, was diese Kriterien nicht sind: eine Diagnose. Ein positives Ergebnis kommt auch ohne rheumatische Erkrankung vor, ein negatives schließt eine axiale Spondyloarthritis nicht sicher aus. Sie leisten eine Vorauswahl, die eine Abklärung rechtfertigt.
Entzündlicher oder mechanischer Rückenschmerz?
Mechanisch, die häufige Form
- Wird durch Bewegung schlechter und durch Ruhe besser.
- Beginnt oft plötzlich, nach einer Belastung oder einer ungünstigen Bewegung.
- Morgensteifigkeit, wenn überhaupt, für wenige Minuten.
- Nachts meist ruhig, solange man eine bequeme Lage findet.
Entzündlich, die seltene Form
- Wird durch Bewegung besser und durch Ruhe schlechter.
- Beginnt schleichend, oft über Wochen, ohne erkennbaren Auslöser.
- Morgensteifigkeit über dreißig Minuten, häufig über eine Stunde.
- Weckt in der zweiten Nachthälfte, und Aufstehen bringt Erleichterung.
Wo die Beschwerden sitzen
Kreuz-Darmbein-Gelenke
Der übliche Ausgangspunkt. Tiefer Schmerz im Gesäß, oft wechselnd von einer Seite zur anderen. Wird regelmäßig für Ischias gehalten.
Wirbelsäule
Steifigkeit und Schmerz, die von unten nach oben wandern können. Über Jahre nimmt die Beweglichkeit ab, besonders die Drehung und die Seitneigung.
Sehnenansätze und Augen
Ferse, Brustbein, Rippenansätze. Dazu bei einem Teil der Betroffenen wiederkehrende schmerzhafte Augenentzündungen, die ein wichtiger Hinweis sind.
Was neben dem Rücken auffällt
Ausgangspunkt sind fast immer die Kreuz-Darmbein-Gelenke: Der Schmerz sitzt tief im Gesäß, strahlt manchmal in den Oberschenkel aus, aber typischerweise nicht unter das Knie, was zur häufigsten Fehldeutung als Ischias führt und dazu, dass monatelang Übungen für den Ischiasnerv laufen, die an dieser Ursache nichts ändern. Eine axiale Spondyloarthritis betrifft jedoch nicht nur die Wirbelsäule. Häufig sind schmerzhafte Sehnenansätze, besonders an der Ferse, außerdem Entzündungen einzelner großer Gelenke und geschwollene Finger oder Zehen, die im Ganzen anschwellen. Dass dabei der ganze Finger anschwillt und nicht nur ein Gelenk knotig verdickt ist, trennt dieses Bild von einer Arthrose im Finger.
Der wichtigste Begleitbefund ist die Regenbogenhautentzündung des Auges, eine schmerzhafte Rötung mit Lichtempfindlichkeit, die plötzlich auftritt und meist ein Auge betrifft. Sie kommt bei einem erheblichen Teil der Betroffenen vor, oft Jahre vor der Diagnose. Wer zweimal eine solche Augenentzündung hatte und dazu chronische Rückenschmerzen, sollte das ausdrücklich ansprechen.
Was in der Abklärung passiert
Der Weg beginnt in der Hausarztpraxis: Die Nationale VersorgungsLeitlinie Kreuzschmerz sieht dort ausdrücklich vor, bei anhaltenden Beschwerden nach Warnhinweisen zu suchen, zu denen entzündliche Ursachen gehören. In der rheumatologischen Sprechstunde werden dann Entzündungswerte im Blut bestimmt und häufig der Erbfaktor HLA-B27. Er ist kein Beweis, denn viele Menschen tragen ihn, ohne je zu erkranken, erhöht aber zusammen mit dem klinischen Muster die Wahrscheinlichkeit erheblich.
Die entscheidende Untersuchung ist die Kernspintomografie der Kreuz-Darmbein-Gelenke. Sie zeigt aktive Entzündung, bevor im Röntgenbild etwas zu sehen ist, und hat die Diagnose von Frühformen erst möglich gemacht. Für Deutschland ist das Vorgehen in der S3-Leitlinie zur axialen Spondyloarthritis einschließlich Morbus Bechterew und Frühformen beschrieben, die von der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie getragen wird.
Was hilft
Bewegung ist bei dieser Form keine Ergänzung, sondern Grundlage. Regelmäßiges Training und Physiotherapie erhalten die Beweglichkeit und lindern die Beschwerden. Schonung verstärkt dagegen genau das Symptom, das ohnehin im Vordergrund steht.
Medikamentös stehen entzündungshemmende Mittel an erster Stelle; wirken sie nicht ausreichend, kommen Wirkstoffe zum Einsatz, die gezielt in die entzündliche Signalkette eingreifen. Wer seine Beschwerden zusätzlich über den Alltag angehen möchte, findet bei unserer Formel bei Rückenschmerzen die Überlegung dahinter erklärt. Sie ersetzt bei einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung keine ärztliche Behandlung und soll das auch nicht.
Wann Sie nicht warten sollten
Einige Zeichen gehören sofort abgeklärt, unabhängig vom Muster: Fieber, ungewollter Gewichtsverlust, Nachtschweiß, Lähmungserscheinungen, Taubheit im Reithosenbereich, Probleme beim Wasserlassen. Diese Warnhinweise gelten für jede Form von Kreuzschmerz.
Und wenn Sie beim Lesen der fünf Fragen viermal genickt haben und Ihre Beschwerden länger als drei Monate bestehen, ist das kein Anlass zur Panik, aber ein guter Grund für einen Termin. Die Jahre, die bis zur Diagnose vergehen, sind der eigentliche Schaden dieser Erkrankung, und sie lassen sich verkürzen.
Häufige Fragen zum entzündlichen Rückenschmerz
Wie fühlt sich ein entzündlicher Rückenschmerz an?
Er ist tief, dumpf und schlecht zu lokalisieren, sitzt meist im Kreuz und im Gesäß und wechselt manchmal die Seite. Charakteristisch ist der Tagesverlauf: morgens am schlimmsten, mit einer Steifigkeit von mehr als dreißig Minuten, dann Besserung durch Bewegung. Nachts weckt er in der zweiten Hälfte, und viele Betroffene stehen dann auf und gehen umher, weil Liegen nicht hilft.
Wie merke ich, ob ich eine Entzündung im Rücken habe?
Anhand des Musters, nicht anhand der Schmerzstärke. Fünf Merkmale gelten als typisch: Beginn vor dem vierzigsten Lebensjahr, schleichender Beginn, Besserung durch Bewegung, keine Besserung durch Ruhe, Nachtschmerz mit Erleichterung beim Aufstehen. Treffen bei Beschwerden über drei Monaten vier dieser fünf Punkte zu, spricht man von einem entzündlichen Rückenschmerz.
Was tun bei entzündlichen Rückenschmerzen?
Zuerst abklären lassen, denn die Behandlung unterscheidet sich grundlegend vom mechanischen Rückenschmerz. Der Weg führt über die Hausarztpraxis in eine rheumatologische Sprechstunde, oft mit einer Blutuntersuchung auf Entzündungswerte und den Erbfaktor HLA-B27 sowie einer Kernspinaufnahme der Kreuz-Darmbein-Gelenke. Regelmäßige Bewegung und Physiotherapie sind in jedem Fall Teil der Behandlung.
Was ist Morbus Bechterew?
Die bekannteste Form der axialen Spondyloarthritis, einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung der Wirbelsäule und der Kreuz-Darmbein-Gelenke. Sie beginnt meist im jungen Erwachsenenalter und führt unbehandelt über Jahre zu einer zunehmenden Versteifung. Frühformen ohne sichtbare Veränderungen im Röntgenbild werden heute mit erfasst, weshalb die Erkrankung deutlich früher erkannt werden kann als noch vor zwanzig Jahren.
Wie äußert sich eine Muskelentzündung im Rücken?
Eine echte Muskelentzündung ist selten und macht andere Zeichen: Muskelschwäche, die beim Treppensteigen oder beim Heben der Arme auffällt, oft ohne starken Schmerz, dazu erhöhte Muskelenzyme im Blut. Was die meisten Menschen als Muskelentzündung im Rücken beschreiben, ist eine Verspannung oder eine Überlastung, die sich durch Ruhe bessert und damit gerade nicht entzündlich ist.
Warum dauert die Diagnose so lange?
Weil entzündlicher Rückenschmerz selten ist und alltäglicher Rückenschmerz sehr häufig. In Deutschland vergehen zwischen den ersten Beschwerden und der Diagnose einer axialen Spondyloarthritis im Durchschnitt fünf bis sieben Jahre, bei Frauen oft länger. Der wirksamste Weg, diese Zeit zu verkürzen, ist die Frage nach dem Muster, nicht ein weiteres Bild der Lendenwirbelsäule.
Hilft Bewegung bei entzündlichem Rückenschmerz?
Ja, und zwar mehr als bei fast jeder anderen Rückenerkrankung. Regelmäßige Bewegung und Physiotherapie sind bei axialer Spondyloarthritis fester Bestandteil der Behandlung, weil sie die Beweglichkeit erhalten und die Beschwerden lindern. Schonung ist hier der falsche Weg: Sie verstärkt die Steifigkeit, die ohnehin das Leitsymptom ist.
Quellen
Sieper J., van der Heijde D., Landewe R. et al. (2009). New criteria for inflammatory back pain in patients with chronic back pain: a real patient exercise by experts from the Assessment of SpondyloArthritis international Society (ASAS). Annals of the Rheumatic Diseases, 68(6), 784-788. DOI: 10.1136/ard.2008.101501
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